News vom 25.04.2017

Verantwortung und Führung bilden eine Einheit
Zwischenveranstaltung in Greifswald beleuchtet gute Führung

Hätten sie gute Führungskräfte, würden deutsche Unternehmen 105 Milliarden mehr Umsatz im Jahr machen, rechnet eine aktuelle Studie des Marktforschungsunternehmens Gallup. vor. Stattdessen leisten sie sich mit 70 Prozent eine große Mehrheit von Mitarbeitern, die schweigen, statt Einsatzfreude an den Tag zu legen.  Die meisten Mitarbeiter sind an ihr Unternehmen emotional kaum gebunden und machen nur Dienst nach Vorschrift.  Qualifizierte Führungskräfte könnten helfen. Doch die Führungsqualität liegt hierzulande im Argen: Die Wünsche der Mitarbeiter und die Wirklichkeit in den Unternehmen klaffen besonders weit auseinander. Nur jeder fünfte Arbeitnehmer sagt: „Die Führung, die ich bei der Arbeit erlebe, motiviert mich, hervorragende Arbeit zu leisten“. 

Was gute Führung ausmacht, war Thema der Zwischenveranstaltung des 3. Durchgangs des Mentoringprogramms „Zukunft durch Aufstieg“ am 6. April in der Universität Greifswald. Projektleiterin Renate Heusch-Lahl betonte: „Wir von der UdW denken nicht nur an die Mentees, sondern auch an die Unternehmen. Mentoring ist eine Chance für Rekrutierung. Es macht Sinn, das Potenzial im Land und in den Unternehmen zu fördern. Denn der Fachkräftemangel ist schon da.“

Gefördert wird das Projekt durch das Ministerium für Soziales, Integration und Gleichstellung des Landes Mecklenburg-Vorpommern aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF). „Verfolgen Sie Strategien, verzagen Sie nicht, pflegen Sie Verbindungen, nehmen Sie durch Netzwerke Kontakte und Ideen mit“, empfahl Beate Dietrich von der Leitstelle für Frauen und Gleichstellung den Mentees. Der Leiter des Zentrums für Forschungsförderung und Transfer der Universität Greifswald, Dr. Stefan Seiberling berichtete, dass sein Haus sowohl ein Mentoringprogramm für Wissenschaftlerinnen als auch eines für Unternehmensgründungen anbiete.

Die Hauptrednerin des Tages appellierte an die Mentees: „Du musst dir die Verantwortung nehmen, keiner wird sie dir geben. Habe den Mut, auch im Meeting lauter zu sprechen, so wie viele Männer. Lass dich nicht entmutigen. Dazu gehört auch das Risiko zu scheitern“, sagte Ulrike Parson. Die 48-Jährige ist Vorstand der Parson AG, geboren in Rostock und mit einem Abschluss der Universität Greifswald. Sie leitet das Unternehmen mit 18 Mitarbeitern, das weltweit tätig ist. Sie stellt klar: „Zum einen darf ein Unternehmen heute nicht mehr streng hierarchisch geführt werden. Ein agil geführtes Unternehmen ist flexibel und kann sich besser an wechselnde Marktbedingungen anpassen. Führung bedeutet daher, die Eigenverantwortung der Mitarbeiter und der Teams zu stärken und loslassen zu können. Führung heißt Verantwortung abzugeben. Wir haben uns für den Weg entschieden, mehr Führungsaufgaben direkt in den Teams zu realisieren und selbststeuernde Teams zu bilden.

Zum anderen muss sich ein Unternehmen digitalisieren. Es ist nicht die Frage „ob“ sondern „wie“ und „wann“ die Digitalisierung umgesetzt wird. Dies gilt nicht nur für Produkte, sondern auch für Dienstleistungen. Wir bieten zum Beispiel Schulungen an und digitalisieren gerade den Bestellprozess. Damit sind keine langen Vorgespräche mehr notwendig. Auch die Rahmenbedingungen der Arbeit verändern sich. Home-Office, Telearbeit und freiere Entwicklung der Mitarbeiter kann man nur fördern, wenn man die technischen und organisatorischen Voraussetzungen dafür schafft."

Die Mentee Dr. Mirjana Rajkovic war begeistert: „Die Teilnahme an dem Programm „Zukunft durch Aufstieg“ ermöglicht mir einen Einblick in die Führungs-Herausforderungen in anderen Branchen (die sich Interessanterweise untereinander nicht viel unterscheiden), eröffnet mir Perspektiven, meine Zeit besser managen und mich mehr als bisher meiner Führungsaufgabe widmen zu können. Ich profitiere von den Erfahrungen, Tipps und Tricks der erfahrenen Führungskräfte und lasse mich von deren Erfolgsgeschichten inspirieren.“
 
Vertieft wurde die Diskussion im Anschluss in einem World Cafe, bei dem neben Ulrike Parson noch vier weitere Führungsfrauen aus ihren Erfahrungen berichteten. Die Tische waren hochkarätig besetzt: die Geschäftsführerin des Vielanker Brauhauses Anja Rabe, die Finance Interim Managerin Elke Wahlig, die Geschäftsführerin des Bildungswerkes der Wirtschaft, Dr. Sylvia Neu und die ‎Leiterin der Salus Service Akademie Birgit Klose.

„Ich glaube, vieles in meinem Team zukünftig umsetzen zu können.  Ich werde mir mehr Zeit nehmen, um besser und mehr zuzuhören, Probleme aus einem anderen Winkel zu betrachten, flexible Lösungen zu suchen und ggf. Konflikte im Team zu lösen“, sagte die Ärztin und Laborleiterin beim IMD in Greifswald, Dr. Mirjana Rajkovic.

Auch die Mentee Inga-Lena Vöpel ist begeistert: „Ich habe vorher noch nie an einem Worldcafé aktiv teilgenommen und konnte dies zur Zwischenveranstaltung erstmalig austesten. Eine interessante Workshop-Methode, die sich insbesondere für größere Gruppen zu eignen scheint! In kürzester Zeit erhielten wie als Mentees die Gelegenheit, mit fünf gestandenen Führungskräften ungezwungen ins Gespräch zu kommen: Um Fragen zu stellen, Haltungen und Sichtweisen kennen zu lernen oder Tipps und Tricks für konkrete Fälle zu erhalten. Dabei zeigte sich wieder ganz deutlich, wie wertvoll ein Mentoringprogramm wie dieses ist, um als Führungskraft den für sich richtigen Weg zu beschreiten – ohne dabei den eigenen Anspruch an Authentizität zu verlieren! Dieser Weg ist oft nicht einfach bzw. lässt sich nicht mit einer Blaupause beschreiten. Im Erfahrungsaustausch sowohl mit Mentee-Kolleginnen als auch mit Mentoren/innen ergeben sich jedoch häufig Parallelen, so dass eine jede durch die Berichte der anderen profitieren kann. Auf diese Weise lässt sich das größere Päckchen an Verantwortung leichter tragen und es entstehen Chancen im Rahmen der beruflichen Vernetzung und im Prozess der eigenen persönlichen Entwicklung“, sagte die Leiterin der Kunstschule Rostock.

In dem Workshop mit den Mentorinnen und Mentoren wurde deutlich, dass Vorgesetzte ihre Unternehmenskultur verbessern könnten. Sie waren sich einig, dass der Wandel des Führungsstil unterschätzt werde. Coaching und Mentoring sollte in Mecklenburg-Vorpommern noch viel mehr angeboten werden. „Zuhören können“, hält die Geschäftsführerin des Sky Deutschland Service Center in Schwerin, Daniela See, für unabdingbar. „Sich trauen, Entscheidungen treffen“, betonte Manfred Tannen-Floto von der Hanse Yachts in Greifswald. Führung könne man nicht an der Universität lernen, sondern dazu gehöre Lebenserfahrung, meinte Marjon Hopman-Wolthuis, die Geschäftsführerin des Schlosses Basthorst. Alle appellierten an die Programmverantwortlichen, mehr Angebote für Unternehmen zu implementieren.

Die Mentorin Nicole Dierker-Refke war begeistert: „I ch möchte mich für die sehr gelungene Zwischenveranstaltung im Cross Mentoring-Programm „Zukunft durch Aufstieg“ bedanken. Diese drei Stunden waren so inspirierend und inhaltsvoll… So manches Drei-Tages-Führungsseminar hält da nicht stand. Aus dem Erfahrungsaustausch mit den Mentorinnen und Mentoren nehme ich neue Impulse und Ideen mit in meinen berufl ichen Alltag. Verantwortung - abgeben, annehmen, teilen… Das Verantwortung und Führung eine Einheit bilden, ist für mich die Quintessenz aus dieser Zwischenveranstaltung.“

„Welche Karriereziele verfolge ich? Was kann ich tun, um mich weiter zu entwickeln?“
Individuelles Karrierecoaching in den Regionalgruppen

In den regionalen Cross-Mentoring Gruppen wurde durch die Leiterin der Koordinierungsstelle, Renate Heusch-Lahl, ein individuelles Karrierecoaching angeboten. Insgesamt 20 Mentees nutzten an sieben verschiedenen Terminen dieses zusätzliche Angebot. Die Altersspanne der Teilnehmerinnen reichte von 23 bis 54 Jahre. Die meisten waren um die 30 Jahre alt.

In dem Coaching hat die ausgebildete Trainerin mit den Teilnehmerinnen mittels der Methode der Skalierung versucht, die eigenen Denkblockaden zu überwinden. Die eigenen beruflichen Ziele wurden in den Blick genommen. Folgende Fragen standen im Fokus: „Welche Karriereziele verfolge ich? Wo möchte ich in fünf oder zehn Jahren beruflich stehen? Was sind meine Stärken und Schwächen? Was kann ich tun, um mich weiter zu entwickeln?“

Eine gesunde Balance steht für viele Mentees im Fokus ihres Arbeitslebens. Viele befinden sich in einem „Realitätsschock“ und sind enttäuscht über die geringen Gestaltungsmöglichkeiten. Viele wünschen sich mehr selbstbestimmtes Arbeiten und mehr Freiraum. Beruflicher Aufstieg ist bei den wenigsten ein klares Ziel, vielmehr geht es um eine höhere Zufriedenheit bei der Tätigkeit

Expertentipp von Ulrike Grigull-Kemper
Brücken bauen durch AKTIVES ZUHÖREN

Die wohl herausforderndste und anstrengendste Aufgabe von Führungskräften ist die Kommunikation mit Mitarbeitern. Sie beansprucht einen wesentlichen Teil des Arbeitsalltags einer Führungskraft und ist (mit)verantwortlich für die Erfolgsgeschichte eines Unternehmens.

Diese Kenntnis fordert Unternehmen und ihre Führungskräfte heraus, längst überfällige Veränderungen in der Unternehmenskommunikation herbeizuführen. Konflikte haben „ihren guten Grund“ und hinter jedem Konflikt stehen unterschiedliche Sichtweisen und menschliche Bedürfnisse, die aber wichtig sind als Motor für Lebendigkeit und Wachstum eines jeden Menschen und deshalb auch im Arbeitsalltag eine wichtige Rolle spielen.

Bauen Sie Brücken! „AKTIVES ZUHÖREN“ ist eine Technik empathischer Gesprächsführung, mit der Sie präventiv und frühzeitig agieren, um Missverständnisse und Hintergründe zu klären. Die Kunst besteht darin, die eigene Meinung, Interpretationen und Ratschläge auszuklammern.

 

•  Wiederholen - paraphrasieren - Sie im Gespräch das Gesagte Ihres Mitarbeiters und fassen in eigenen Worten kurz zusammen, was Sie inhaltlich erfahren und gehört haben.

•  Hören Sie geduldig zu und unterbrechen Sie Ihren Gesprächspartner nicht, halten Sie Blickkontakt. Nur, wenn Sie befürchten, dass wichtige Botschaften verloren gehen könnten, unterbrechen Sie: “Darf ich kurz zusammenfassen, was bisher gesagt wurde? …“ oder „Ich möchte sichergehen, dass ich Sie richtig verstanden habe. …“

•  Fragen Sie nach! Mit den W-Fragen lernen Sie die Sichtweisen, Wünsche und Bedürfnisse Ihres Mitarbeiters kennen; Die Grundlage, um gemeinsam echte Problemlösungen zu erarbeiten. Gleichzeitig erhalten Sie wichtige Anhaltspunkte für Ihre eigene Argumentation.

•  Über Erfolg und Misserfolg des aktiven Zuhörens entscheidet vor allem die Haltung, die Sie ausstrahlen und mit der Sie das Gespräch mit Ihrem Mitarbeiter führen. Bringen Sie mit Gestik, Mimik sowie zugewandter Körperhaltung Aufmerksamkeit und Wertschätzung Ihrem Mitarbeiter gegenüber zum Ausdruck und schaffen Sie so eine Basis für gegenseitiges Vertrauen.